CECI N´EST PAS UNE UTOPIE

 Bildquelle oben: gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France, Etienne-Louis (1728-1799), “Cénotaphe de Newton”, 1784

Bildquelle oben: gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France, Etienne-Louis (1728-1799), “Cénotaphe de Newton”, 1784

 
 
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Erste Seite der „Utopia“

Eine Utopie ist der Entwurf einer fiktiven Gesellschaftsordnung, die nicht an zeitgenössische historisch-kulturelle Rahmenbedingungen gebunden ist. Dabei sind Utopien grundsätzlich nichts neues. Spätestens seit Thomas Morus namensgebendem Roman "Utopia". aus dem 16. Jahrhundert (manche Forscher sehen schon in Platons “Politeia” den Erstentwurf der Utopie). In den Sozialwissenschaften wird das Werk als Kritik an den damaligen Verhältnissen und als Gegenentwurf zum zeitgenössischen England gesehen, andere sehen darin eine boshafte Satire -desselben England.

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Druck von 1518: Thomas Morus - Universitätsbibliothek Bielefeld

 



Natürlich üben Menschen schon immer Kritik an gesellschaftlichen Konventionen und politischen Systemen in denen sie leben. Besonders kreativ und vielleicht auch wirkungsvoll in Romanen und Geschichten von vermeintlichen Parallelgesellschaften in denen die utopistische Idee immensen Umwälzungen des Zusammenlebens vorangingen. Sie adressieren mit ihrer Kritik an den gegenwärtigen Missständen stets eine Hoffnung auf künftige Besserung, meist umfangreich und oft auch romantisierend. Die Orte dieser Gesellschaften befinden sich immer auf einer Insel, in einem bisher unentdeckten Land oder wählen den Zeitsprung in eine ferne Zukunft, wie bspw. William Morris´ "Kunde von Nirgendwo". Interessanterweise haben sich die klassischen Utopisten nie in eine vorzivilisatorische Harmonie zurückgesehnt; es gibt keine Verklärung oder Überhöhung des Vergangenen. Ihr Impuls ist nach vorne gerichtet.

Vielleicht auch deshalb ist die utopistische Idee nie ausgestorben und erlebt in aktuellen Zeiten gerade gerade eine Renaissance. Politisch wechselhafte Verhältnisse, Auseinanderdriften von sozialen Schichten, Klimawandel und unberechenbare Umweltkatastrophen, Handels- und Bürgerkriege lassen Zukunftsängste wachsen und fördern Unsicherheiten in der Bevölkerung. Aus dem Gefühl einer nahenden Dystopie (Beispiel totale Überwachung durch den Staatsapparat oder radikale Abschottungspolitik), also dem Gegenteil der stets positivistischen Utopie entsteht mehr denn je der Wunsch nach Veränderung, Verbesserung und erzeugt eine Bereitschaft Dinge in Frage zu stellen, die bisher als selbstverständlich erachtet wurden. Der Wunsch nach Veränderung wird immanent durch wachsende Verunsicherungen innerhalb der Gesellschaft und vielleicht auch dem Gefühl der ungewünschten Vormundschaft durch übergeordnete Systeme.

 

Die Utopie entwirft hier auf experimentelle, konstruktive und selbstreflexive Weise Alternativen zu den Krisenphänomenen ihrer Zeit – Alternativen, in denen der Mensch seine Geschicke weitgehend selbst bestimmt.
— Thomas Schölderle

 

Utopische Entwicklungen beginnen also wie alle Dinge zuerst im Kopf und genauer mit einer Entwicklung der Denkweise in neue Richtungen. Kurzum der Sammlung von Ideen mit dem selbstgegebenem Freiraum, daß nichts unmöglich scheint, denn die Utopie selbst kann nie real sein.
Ein Freund sagte einst; bei Luftschlössern spielen die Baukosten keine Rolle. Dennoch besteht im utopistischen Denken die Möglichkeit für die reale Welt nützliche Ideen zu entdecken auf die man normalerweise nicht gekommen wäre und damit einen Beitrag zu einer positiveren Gesellschaftsentwicklung beizutragen.

 

Nur wer sich weit entfernte, scheinbar unerreichbare Ziele setzt, kann das Mögliche erreichen.
— Dr. Viktor Frankl

 

Eine erfüllte Welt ohne Arbeit, Geld und Hierarchien? Hirngespinst oder mehr als eine Illusion? Unser Wirtschaftssystem führt nirgendwo hin als in den Abgrund: Mit diesen Worten will der US-Amerikanische Architekt, Autor und Erfinder Jacque Fresco auf sein Lebenswerk, das Venus Projekt hinweisen. Seit 40 Jahren arbeitet der heute 96-jährige Kalifornier an einem alternativen Gesellschaftsmodell.

 

Utopien gemeinsam ist der klar definierte Raum mit deutlichen Grenzen. Es gibt ein Innen und ein Außen. Das ist eine logische Konsequenz, da Utopie nie in einer aktuellen Situation stattfinden kann.

Idealisierte Städte, Wohnmaschinen oder ländliche Siedlungen auf Inseln oder fernen Ländern, die Beschreibung der Architektur ist stets in wichtiger Bestandteil der Erzählungen. Natürlich, denn Wohnen ist stets auch Spiegel der Gesellschaft. Aktuell lebt fast die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, was die besondere Notwendigkeit ausmacht hier anzusetzen.

 

ENDLOSES WACHSTUM? DER UNTERGANG UNSERER ZIVILISATION.

 

Unter Architektur verstehen die meisten von Ihnen, wie ich annehme, die Kunst, edel und ornamental zu bauen. Nun, ich glaube, dass die Ausübung dieser Kunst zu den wichtigsten Dingen gehört, an die der Mensch Hand anlegen kann und sie ist es wert, dass sich ernsthafte Leute nicht nur eine Stunde, sondern einen guten Teil ihres Lebens damit beschäftigen, selbst wenn sie beruflich nichts damit zu tun haben.
— William Morris

„The Prospects of Architecture in Civilisation“ – William Morris hielt diesen Vortrag am 3. Oktober 1881 vor der London Institution. Aufgenommen in den Sammelband „Hopes and Fears for Art“ (1882), 1902 in Deutschland erschienen unter dem Titel „Kunsthoffnungen und Kunstsorgen“.


 

Damit leben Millionen Menschen in von städtischen Institutionen, Unternehmen und Investoren “produzierten” Zweckarchitekturen, die möglichst schnell und unkompliziert errichtet und nach Kriterien der Vermarktbarkeit und Rendite verkauft und vermietet werden. Der Rest städtischer Architektur liegt dabei in öffentlicher Hand, die dabei mehr und mehr zu Schauarchitektur wird. Museen von Stararchitekten, die das Stadtbild um eine monumentale “Skulptur” erweitern sollen oder Instandhaltung von verklärender Geschichtsarchitektur (man denke nur an das unsägliche Berliner Schloss) im Gedenken an vermeintlich, glorreiche Vergangenheiten. Große Architekturen sind stets auch Herrschaftsarchitekturen. Innenstädte verkommen hingegen zu globalisierten Konsum- und Bürowüsten, Vielfalt stirbt aus. Stadtkerne werden zu Vergnügungsparks für Konsum, Fußgängerzonen von Konzernketten gestaltet, die überall auf der Welt gleich aussehen.

Horizon profiles Buckminster Fuller, inventor of the geodesic dome.


Am Ende ist unsere Kultur frei erfunden und kann jederzeit neu gedacht werden!


Jede Gesellschaftsform ist eine Entwicklung basierend auf ihrer eigenen Erfindung. Gerade mit Blick auf fremde Kulturen erscheinen dem Betrachter Bräuche und Rituale oft sehr befremdlich. Wir stellen in Frage, was dort als normal, bzw. sogar existenziell betrachtet wird. Umgekehrt wäre das Staunen sicher ähnlich. Gerade Bräuche und Rituale stiften Sinn im Unsinn. Sie geben Kulturen Eigenständigkeit und die Möglichkeit zur Abgrenzung gegen andere. Dabei werden oft wunderlich Dinge erfunden, die viel mit der Welt der Geister und Religionen zu tun haben, also Unsichtbarem. Dennoch wird geglaubt und damit eine Gesellschaft geformt und oft auch gesteuert.